Archiv für 19. April 2007

Online Roman “Letzte Worte” - Viertes Kapitel: KEIN ANRUF

Eine Woche musste man warten - nun ist es endlich da: das vierte Kapitel des Online Romans “Letzte Worte”. Im vergangenen Teil verbrachte Jack eine schreckliche Nacht mit Diane und lernte das geheimnisvolle Mädel Isabella kennen. Diese Nacht hinterließ bei Jack Spuren…Lesen Sie hier, was im vierten Kapitel passiert.

Letzte Worte - der Online Roman

4. Kapitel: KEIN ANRUF

Als ich in dieser Nacht nach Hause kam, war ich sofort vollkommen erschöpft ins Bett gefallen. Die Lampe auf meinem Nachttisch ließ ich brennen. Ich fürchtete, dass das kleine Mädchen, Isabella, plötzlich in der Dunkelheit neben meinem Bett auftauchen würde. Ich schlief unruhig, wälzte mich hin und her und stieg schließlich um fünf Uhr morgens aus den nassen Laken, um eine kalte Dusche zu nehmen. Danach saß ich in meiner Küche, hatte eine Tasse starken Kaffees vor mir stehen und rauchte Zigarette. Im Radio hatten sie Regen angesagt, jetzt lief ein Song von Huey Lewis & The News. Ich war nervös und konnte einfach nicht vergessen, was am Vorabend geschehen war. War es tatsächlich geschehen oder war ich betrunkener gewesen, als ich gedacht hatte? Nein! Zumindest war ich mir einer Sache vollkommen klar: Der Name, den Diane im Schlaf geflüstert hatte, war Richard gewesen. Ich weiß, in New York City gibt es wahrscheinlich Tausende von Männern, die diesen Namen tragen, aber etwas seltsam war das ganze schon. Und diese anderen Dinge… Diese ekelhafte Veränderung, die ich an Diane zu beobachten geglaubt hatte, ihre seltsame, unnahbare und unbeteiligte Art. Und vor allem Isabella…

 

Ich fuhr mit der U-Bahn zur Arbeit und sah in die Gesichter der Schlipsträger, Zeitungsleser, Manager, Broker und Rechtsanwälte, in deren Riege ich mich einreihte. Würde mir auch nur einer von ihnen glauben, wenn ich ihm die Ereignisse schilderte, die mir am vorherigen Abend widerfahren waren? Ich bezweifelte es. Sie sahen alle so normal aus wie jeden Morgen: verschlafen, grimmig und verquollen, aber vollkommen normal. Keine Anzeichen, dass einer von ihnen ein Ufo gesehen hatte oder Bigfoot begegnet war.

Im Büro trank ich den nächsten Kaffee. Den ganzen Tag über war ich unkonzentriert. Ein paar Mal nahm ich sogar den Hörer nicht ab, wenn das Telefon klingelte. Ein abwegiger Gedanke schwebte mir im Kopf herum. Ich musste Richard anrufen. Dann meldete sich meine innere Stimme zu Wort: Was willst du ihm sagen? Dass du gestern Abend mit einer schrägen Frau gevögelt hast, die hinterher eingeschlafen ist und den Namen eines anderen Mannes geflüstert hat? Aber darum ging es mir gar nicht. Entscheidend war mein Bauchgefühl und das bestand aus einem stetigen unangenehmen Grollen, das mir den Appetit verdarb.

Ich rief an diesem Tag nicht bei Richard an. Stattdessen beschloss ich, die ganze Sache einfach zu vergessen. Meine Nerven waren einfach angeschlagen, ich arbeitete zu viel, das war alles. Und es stimmte nicht einmal. Ich ging zwei Stunden vor Feierabend nach Hause, bestellte mir eine Käse-Pepperoni-Pizza und trank, während ich mir die Larry King Show ansah, vier Flaschen Bier. Ich nickte auf der Couch ein und war plötzlich wieder in Dianes Wohnung.

Zuerst saß ich in ihrem Wohnzimmer auf dem alten Sofa. Dann hörte ich aus einem Winkel der Wohnung ein leises Kichern und stand auf.

“Isabella?”, rief ich, aber niemand antwortete.

Ich ging in den kleinen Flur und sah in einer Ecke, achtlos auf dem Boden liegend, den Teddybären. Mittlerweile hing auch das andere Auge an einem Faden herab, was in mir ein seltsames Gefühl des Mitleids verursachte. Die Tür zum Schlafzimmer war einen Spalt geöffnet und ich sah ein schwaches rotes Licht, das in den Flur fiel.

Ich öffnete sie langsam und sah mich einer grausamen Szenerie gegenüber:

Auf dem Bett lag ein nackter, blutverschmierter Körper. Er wand sich und bebte, als würde er von Strom durchflossen. Vom Bett tropfte Blut und lief in einem kleinen Rinnsal auf mich zu. Isabella saß nackt auf der Bettkante und sah mich kichernd an. Sie streichelte mit einer Hand den blutigen Kopf des Körpers, als liebkoste sie einen Geliebten.

“Hallo, Jack. Du bist ja doch wieder gekommen.”

Dann flüsterte der zuckende Körper einen Satz. Röchelnd presste er die Worte: “Jack, bitte hilf mir doch, um Himmels Willen.”

Ich stand wie angewurzelt da und wusste, wer dieser blutige Körper war. Ich erkannte ihn an dem dunklen Lockenschopf, durch den Isabellas Hand fuhr. Dann hörte ich hinter mir Schritte und drehte mich um. Diane kam auf mich zu. Auch sie war vollkommen nackt. Ihr eingefallener Körper glich der einer alten Frau, aber ihr Schritt war so leichtfüßig, als schwebte sie.

“Was hat das zu bedeuten?”, flüsterte ich.

Sie blieb vor mir stehen und ich nahm einen üblen Geruch war, der in meiner Assoziation verbrannter Menschenhaut gleichkam.

“Er hat mich versetzt, Jack”, sagte sie mit zuckersüßer Stimme. “Man versetzt eine Dame nicht, oder, Jack? Nein, das gehört ganz und gar nicht zum guten Ton.”

Dann war sie plötzlich verschwunden und ich erwachte in meinem Bad, vor dem Spiegel stehend. Mein Körper zitterte und meine Beine wollten unter mir nachgeben. Der Spiegel gab ein abscheuliches Bild wieder. Im ganzen Gesicht hatte ich Schnittwunden, aus denen Blut floss, das in das Waschbecken tropfte. In einer Hand hielt ich eine blutverschmierte Rasierklinge…

Sie wollen wissen, wie es weitergeht? Das Kapitel 5 unseres Online Romans “Letzte Worte” erscheint am: 26. April.

Archiv:
1.Kapitel - JACK
2.Kapitel - DIANE
3.Kapitel - ISABELLA

Ein Artikel von Marc Wulfers

1 Kommentar 19. April 2007


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