Online Roman “Letzte Worte” - Fünftes Kapitel: NACHTGEDANKEN

Die Geschichte um Jack Dawson geht in eine neue Runde! Im letzten Kapitel erlebte Jack seinen bisher schrecklichsten Traum. Doch der Traum schien für ihn so wahr, dass seine Gedanken daran ihn zunächst um den Schlaf brachten. Lesen Sie hier, was er für eine böse Vermutung hat.

Letzte Worte - der Online Roman

5. Kapitel: NACHTGEDANKEN

Ich desinfizierte die Schnittwunden, die alle glücklicherweise nicht tief waren, reinigte sie und klebte Pflaster darüber. Meiner Einschätzung nach musste nichts genäht werden und ich hoffte, dass keine Narben zurückblieben. Die Konturen meines Gesichtes waren unter den Pflastern kaum noch zu erkennen.
Spät in dieser Nacht saß ich in meiner Küche, mit einem Glas Scotch, hatte Kopfschmerzen und wusste nicht mehr, was Realität war und was meiner Phantasie entsprang. Herrgott, was hatte ich da getan? Mir in einer Art Trancezustand aus Spaß das Gesicht verschandelt? Aber das erschien mir nicht als das Schlimmste. Das Schlimmste war der Traum gewesen. Und noch schlimmer war es, dass er mir gar nicht wie ein Traum vorgekommen war, sondern eher wie eine Vision, an der ich aktiv teilgenommen hatte.

“Das war eindeutig Richard”, sagte ich in die Stille der Wohnung hinein. Dieses Bündel blutigen Fleisches, das war er gewesen. Ich nahm mein Handy und wählte seine Nummer. Als sich die Mailbox meldete, legte ich auf und wählte dann seine Festnetznummer. Nach dem zehnten Klingeln gab ich es auf. Was verlangst du denn, fragte meine innere Stimme. Es ist drei Uhr nachts, normale Leute schlafen um diese Zeit und zerschneiden sich nicht, nur weil sie ein wenig angetrunken sind, das Gesicht. “Halt die Klappe”, gab ich zur Antwort. Ich würde Richard gleich morgen früh anrufen, nachdem ich mich bei der Arbeit für die restliche Woche krank gemeldet hatte. Ich konnte mich unmöglich in dieser Freddy Krueger-Aufmachung dort blicken lassen. Ich würde Richard einfach erzählen, was mir widerfahren war und froh sein, wenn er mich auslachte. Denn wenn er lachte, war er wenigstens noch am Leben und ich nur ein wenig geistesgestört.

Er hat mich versetzt, Jack. Man versetzt eine Dame nicht, oder, Jack? Nein, das gehört ganz und gar nicht zum guten Ton.

Nun, es gehörte auch nicht zum guten Ton, Leute, die einen versetzten, gleich abzuschlachten. Dann verband sich der Satz, den Diane in meinem Traum gesagt hatte, mit der Erinnerung an Sonntagabend und mir war, als ginge mir ein Licht auf. Es war so offensichtlich, dass ich gar nicht daran gedacht hatte.

“Natürlich. Richard war mit Diane verabredet. Sie war seine neue Flamme gewesen. Und er hat sie und mich versetzt”, sagte ich mir. Zugegeben, das ergab irgendwie schon einen Sinn, aber ich musste vorsichtig sein. Wenn ich Wert darauf legte, wenigstens halbwegs bei klarem Verstand zu bleiben, durfte ich keine voreiligen Schlüsse ziehen, sondern musste den Morgen abwarten. Was es bedeuten würde, wenn sich meine Vermutung als richtig erwies, wollte ich mir gar nicht ausmalen.

Was machst du, wenn Richard morgen auch nicht abnimmt, oder sich nicht mit dir treffen will?, fragte meine innere Stimme. “Nun, irgendwie werde ich es schon schaffen, ihn zu sehen. Und wenn er nicht zu erreichen ist…” Ich wollte es nicht aussprechen. Aber wenn Richard tatsächlich nicht zu erreichen war, dann musste ich zu Diane gehen. Und zwar am Tage. Ich sträubte mich gegen diesen Gedanken, aber etwas anderes würde mir dann nicht übrig bleiben. Aber soweit würde es nicht kommen. Alles würde sich aufklären. Das Problem war nur, dass ich nicht glaubte, dass es wirklich so einfach war. Die Schnittwunden in meinem Gesicht sprachen eine andere Sprache.

Schließlich entschied ich mich doch dazu, ins Bett zu gehen. Ich hatte Angst davor, wieder zu träumen oder möglicherweise zu schlafwandeln, aber ich war dennoch völlig erschöpft. Ich nahm zwei Aspirin, hielt meinen Kopf unter die Spüle und schluckte die Tabletten hinunter. Dann ging ich ins Schlafzimmer und zog mich aus. Ich verriegelte das Fenster und schloss die Tür ab; den Schlüssel legte ich unter mein Kopfkissen. Nur zur Sicherheit. Auch die Nachttischlampe ließ ich brennen.

Es dauerte sehr lange, ehe ich einschlief. Ich wälzte mich hin und her, dachte an Diane, Isabella und Richard. Einmal war ich schon fast eingeschlafen. Ich streckte den Arm zur Seite aus und schrak aus dem Halbschlaf auf. Ich hatte geglaubt, die kalte und wächserne Oberfläche von Dianes Körper gespürt zu haben, aber dort war natürlich nichts gewesen. Danach versuchte ich einen Artikel in einer Zeitschrift zu lesen, um mich abzulenken, aber es gelang mir nicht. Ich konnte mich einfach nicht konzentrieren. Letztendlich lag ich auf dem Rücken und starrte zur Decke empor. Als es zu regnen anfing, beruhigte mich das Geräusch des Regens, das gegen die Scheibe des Fensters trommelte, ein wenig. Ein schwacher Gedanke kam mir in den Sinn. Es war die Erinnerung daran, wie meine Mutter mir immer Kakao gemacht hatte, wenn es regnete. Wir hatten dann immer im Wohnzimmer gesessen und Spiele gespielt. Der Gedanke verschwand und am Ende schlief ich doch ein.
Als ich am nächsten Tag aufwachte, wusste ich nicht, ob ich geträumt hatte oder nicht. Und dafür war ich dankbar…

Sie wollen wissen, wie es weitergeht? Das Kapitel 6 unseres Online Romans “Letzte Worte” erscheint am: 3.Mai.

Archiv:
1.Kapitel - JACK
2.Kapitel - DIANE
3.Kapitel - ISABELLA
4.Kapitel - KEIN ANRUF

Ein Artikel von Marc Wulfers

26. April 2007

Archiviert in: Specials, Online Roman

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