Online Roman “Letzte Worte” - 6. Kapitel: RICHARD

Eine Woche ist seit dem letzten Kapitel unseres Online Romans “Letzte Worte” vergangen. Im 6.Kapitel kommt es nun endlich zum ersehnten Treffen mit Kumpel Richard. Lesen Sie hier, was beim Treffen geschah…


Letzte Worte - der Online Roman

6. Kapitel: RICHARD

Ich erreichte Richard am späten Vormittag, nachdem ich schon ein paar Mal versucht hatte, ihn anzurufen. Als er endlich abnahm, war ich unendlich erleichtert. Ich schaffte es sogar, ihn dazu zu überreden, sich noch am selben Tag mit mir zu treffen. Ich hielt es für klug, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, deshalb erzählte ich nichts von Diane und den anderen Dingen. Ich hatte immer noch die Hoffnung, dass das alles nur Einbildung war.

Richard wollte gegen 20 Uhr bei mir sein. Ich war den ganzen Tag nervös. Schließlich wusste man bei Richard nie, ob er wirklich auftauchte oder ihm nicht doch noch in letzter Sekunde “etwas dazwischen kam”. Ich beschäftigte mich eine Zeitlang damit, zu versuchen, die Schnittwunden irgendwie unauffälliger werden zu lassen. Ich entfernte die Pflaster und versuchte die Wunden mit einem Abdeckstift zu verbergen. Aber das Ergebnis sah fast noch schlimmer aus als vorher.

Ich verbrachte den Tag damit, meine Wäsche zu waschen, Hemden zu bügeln, sinnlose Talkshows anzusehen und meine Wohnung zu reinigen. Als die vereinbarte Zeit näher rückte, steigerte sich meine Nervosität auf ein Maximum und ich lief in der Wohnung auf und ab. Dann war es zehn nach acht und ich entschied mich gerade dafür bei Richard anzurufen, als es klingelte. Als ich die Tür öffnete, konnte ich kaum glauben, dass Richard leibhaftig vor mir stand. Aber er war es, da bestand kein Zweifel. Er ist ein großer, kräftiger Mann mit dunklem Lockenschopf und großen braunen Augen. Er sah fast aus wie ein Italiener (und führte sich Frauen gegenüber auch so auf). Er grinste mir entgegen und ich bemühte mich das Gleiche zu tun.

“Jack, alter Junge, schön, dich zu sehen.”

Er trat ein und wir umarmten uns (so, wie es unter Männern, sogar unter guten Freunden, üblich ist: kurz und schmerzlos; es war lediglich die körperlichere Verlängerung eines Händedrucks). Dann betrachtete er mich und sagte frei heraus, was er dachte: “Du siehst scheiße aus, Jack. Hast du mit irgendwem Ärger gehabt.”

“So ähnlich. Willst Du ein Bier oder so was?”

“Klar, warum nicht.”

Dann saßen wir im Wohnzimmer. “Tut mir Leid, wegen neulich Abend”, sagte Richard. “Mir ist da was ….”

“Ist schon vergessen”, sagte ich. “Jetzt bist du ja da, das ist doch schon ein Fortschritt.”

Er lachte kurz.
“Also, Jacky, dann erzähl mal, was mit deinem Gesicht geschehen ist und warum du mich so dringend sehen wolltest. Du hast einen sehr nervösen Eindruck am Telefon gemacht. Ich hoffe doch nicht, dass ich mir Sorgen machen muss, oder?”

Ich hasste es, wenn er mich Jacky nannte. Aber das tat er schon seit der Grundschule und nun war es zu spät ihm das auszureden. Ich nannte ihn dafür manchmal Richie, wenn ich ihn ärgern wollte.

“Dazu komme ich gleich”, sagte ich. “Aber vorher muss ich dich noch etwas fragen.”

“Schieß los.”

“Also, versteh das jetzt nicht falsch, aber wen wolltest du mir am Sonntagabend vorstellen?”

“Du wirst sie noch kennen lernen, Jack. Sie heißt Diana. Wir treffen uns morgen. Ich glaube, dass ich zum ersten Mal richtig verliebt bin. Weißt du, was das bedeutet?”

Ich konnte es mir ausmalen, es musste einer Revolution gleichkommen. Hatte er tatsächlich Diana gesagt? Ich war mir nicht sicher. “Wie war noch mal ihr Name?”

“Diana.”

Diana, dachte ich, das ist zumindest nicht Diane. Aber verdammt nahe dran.

“Ich habe ein Foto von ihr.”

Er kramte in seiner Jacke und holte sein Portemonnaie raus. Wenn er sogar ein Foto von ihr hatte, schien es ihm diesmal wirklich ernst zu sein. Jetzt kommt die Stunde der Wahrheit, dachte ich. Das Foto würde den eindeutigen Beweis für meine übersteigerte Phantasie liefern. Er reichte mir das Bild. Ich betrachtete es eine Zeitlang unschlüssig. Es brachte mir keine Sicherheit. Auf dem Foto war eine Frau zu sehen, die schlank und mittelgroß war. Sie trug ein rotes Abendkleid, hatte lange schwarze Haare und blasse Haut. Ihr Gesicht erschien mir seltsam unproportioniert. Als ich es im Geiste mit dem von Diane vergleichen wollte, gelang es mir nicht, weil ich mich kaum mehr an ihr Gesicht erinnern konnte. Aber trotzdem fand ich, dass sie sich auf eine gewisse Art und Weise ähnelten.

“Und, wie findest du sie?”, fragte Richard.

“Ungewöhnlich für dich”, gab ich zur Antwort.

“Ich weiß, aber sie hat etwas an sich. Irgendwie ist sie sehr geheimnisvoll. Nicht, wie die anderen Frauen. Sie hat eine kleine Tochter. Annabella.”

Ich erschauerte.

“Alles klar, Jack? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.”

“Richard”, sagte ich, “hör gut zu. Ich muss dir etwas erzählen.”

Sie wollen wissen, wie es weitergeht? Das Kapitel 7 unseres Online Romans “Letzte Worte” erscheint am: 10.Mai.

Archiv:
1.Kapitel - JACK
2.Kapitel - DIANE
3.Kapitel - ISABELLA
4.Kapitel - KEIN ANRUF
5.Kapitel - NACHTGEDANKEN

Ein Artikel von Marc Wulfers

3. Mai 2007

Archiviert in: Specials, Online Roman

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